Interview: Wie gesund ist Holz wirklich?

20. Februar 2017

Dr. Karl Dobianer ist auf jenem Gebiet Fachmann, wovor viele während der Schulzeit gehörigen, wenn nicht sogar größten Respekt hatten: Chemie. Aber nicht nur das: Er hat sich in seiner beruflichen Entwicklung intensiv mit dem Werkstoff Holz auseinandergesetzt und gilt auf dem Gebiet der Toxikologie von Bauprodukten als einer der angesehensten Ansprechpartner in Österreich. Gründe genug, ihm die Frage nach der Verträglichkeit von Holz und Holzwerkstoffen für den menschlichen Organismus zu stellen.

Das Interview wurde von Michael Reitberger geführt und ist im „Holzbau Austria“ erschienen: www.holzbauaustria.at

Chemiker und Holzexperte Dr. Karl Dobianer.
Chemiker und Holzexperte Dr. Karl Dobianer.

Michael Reitberger: Herr Dobianer, die Diskussion um die Verträglichkeit von Holz und die Auswirkungen von Holzemissionen auf den menschlichen Organismus begleiten die Branche seit vielen Jahren. Unzählige Forschungsprojekte auf diesem Gebiet – in viele waren Sie involviert – haben die chemische Tauglichkeit von Holz und Holzwerkstoffen als Baustoffe für Wohnräume bereits unter Beweis gestellt. Ist die Frage, ob sich Holz negativ auf die Gesundheit des Menschen auswirkt, überhaupt noch berechtigt?

Karl Dobianer: Diese Frage wird immer wieder gestellt, obwohl die Antwort schon vor Langem gegeben wurde. Aber die Thematik wird von schlecht informierten Politikern, Organisationen, Lobbyisten und Journalisten wieder und wieder künstlich auf die Spitze getrieben. Vor allem die Debatte um die Formaldehydemissionen von Holzprodukten hält sich als klassisches Beispiel, wie eine manipulierte Öffentlichkeit und eine fehlinformierte Medien- und Politiklandschaft die völlig falschen Entscheidungen trifft. Fakt ist: Die Diskussion, ob Holz in Innenräumen in irgendeiner Form gesundheitsschädlich ist oder nicht, ist unter vernünftigen Rahmenbedingungen irrelevant, weil sich schon aus der Chemie ergibt, dass Holz unter normalen Einbaubedingungen praktisch nicht gesundheitsschädlich sein kann. Auch wenn sich das viele vielleicht so wünschen.

Michael Reitberger: Gilt das auch für verleimte Holzwerkstoffe?

Karl Dobianer: Die in der Holzindustrie verwendeten formaldehydhaltigen Leime gehören nach wie vor zu den hochwertigsten Produkten in diesem Bereich. Viele dieser Leime liegen in Bezug auf ihre Formaldehydabgabe um einen Faktor zehn bis 100 unter dem von der WHO vorgegebenem Safelevel. Es gibt heute sogar Leime, deren Emissionen kaum über jene von reinem Massivholz hinausgehen. Was den wenigsten dabei bewusst ist: Der Mensch selbst produziert täglich Unmengen von Formaldehyd und würde tot umfallen, täte er das nicht. Bei einem gesunden Mann sprechen wir von 50 Gramm pro Tag. Die Diskussionen rund um die maximal zulässige Formaldehydkonzentration in Innenräumen bewegen sich hingegen im Mikrogrammbereich. Manche Länder, wie beispielsweise Frankreich, übertreiben es mit ihren Vorgaben maßlos. 

Michael Reitberger: Nichtsdestotrotz lässt sich nicht bestreiten, dass Holz Formaldehyd, andere höhere Aldehyde und Terpene emittiert. Wie können sich diese bei erhöhten Konzentrationen auf den Menschen auswirken?

Karl Dobianer: Schauen Sie, der Mensch hat sich aus Waldbewohnern entwickelt. Aus der Zeit, als der Mensch noch nicht aufrecht gehen konnte, gibt es Hinweise, dass in den Wäldern weit höhere Konzentrationen an pflanzlichen Emissionen vorhanden waren, als das heute der Fall ist. Unsere Vorfahren waren diesen Emissionen über Jahrtausende ausgesetzt. Aber es gibt uns noch. Aus toxikologischer Sicht gibt es für Organismen, wie den menschlichen Körper, drei Möglichkeiten, mit toxischen Fremdstoffen umzugehen: Entweder die Spezies scheidet den Stoff unverändert so wieder aus, wie sie ihn aufgenommen hat, oder sie nimmt daran Schaden und geht vielleicht daran zugrunde. Die dritte Variante: Die Spezies lernt, mit dem Stoff umzugehen oder ihn sogar zu ihrem Vorteil auszunutzen. Die Tatsache, dass der Mensch immer noch existiert, zeigt, dass wir offensichtlich gelernt haben, damit umzugehen – und das schon vor sehr langer Zeit. Im Zuge einer skandinavischen Studie hat man Menschen einer extrem hohen Konzentration an Holzemissionen ausgesetzt. Das Ergebnis: Ein Teil der Emissionen wurde eingeatmet, aber das meiste davon auch wieder ausgeatmet. Und jener Teil, der tatsächlich im Körper der Testpersonen verblieb, war innerhalb von fünf Minuten wieder abgebaut. Erhöhte Konzentrationen von Holzemissionen werden in der Praxis so gut wie nie erreicht. Dazu müsste man tatsächlich einen Baum einer sehr harzreichen Holzart unmittelbar nach dem Fällen in Bretter schneiden und diese massenhaft in frischem Zustand auf sehr engem Raum verbauen. Dann werden Sie es vielleicht schaffen, dass eine von 100 Personen niesen muss. Aber diesen unwahrscheinlichen Fall gibt es in der Praxis nicht.

Michael Reitberger: Wie verhält es sich bei Allergikern? Hatten Sie während Ihrer langjährigen Tätigkeit als Sachverständiger jemals einen Fall, in dem ein Mensch nachweislich negativ auf Holzemissionen reagiert hat?

Karl Dobianer: In 17 Jahren ist mir niemand über den Weg gelaufen, der sich nicht in einem Holzhaus aufhalten konnte, weil er auf die verbauten Holzprodukte allergisch reagiert hätte. Allerdings hatte ich einmal eine Klientin, die behauptete, auf Fichtenholz allergisch zu sein. Als ich die Dame testen ließ, wurde aber schnell klar: Schon allein der Anblick von Fichtenholz oder die Erwähnung des Wortes ‚Fichte‘ löste bei ihr allergische Reaktionen aus. Gegen solche Menschen ist man als Toxikologe machtlos. 

Michael Reitberger: Wenn Holzprodukte, wie Sie sagen, keinen negativen Einfluss auf die Gesundheit des Menschen haben, können Sie dann im Umkehrschluss vielleicht sogar positiven Einfluss nehmen?

Karl Dobianer: Dieser Frage gehen wir derzeit innerhalb eines dreijährigen Forschungsprojekts gemeinsam mit der Holzforschung Austria nach. Durch die Auswertung Hunderter Fragebögen wollen wir in Erfahrung bringen, ob messbare Holzemissionen in Korrelation mit dem Wohlbefinden von Testpersonen stehen. Andere Studien, wie jene von Prof. Max Moser an der MedUni Graz, haben ja bereits gezeigt, dass sich Testpersonen innerhalb von Holzräumen offensichtlich wohler fühlen als in Räumen in konventioneller Bauweise. Die neue Studie soll nun verdeutlichen, aufgrund welcher Holzemissionen das der Fall ist beziehungsweise, ob Holzemissionen überhaupt dafür verantwortlich sind. Wir wissen bereits, dass sich gewisse Terpene positiv auf das menschliche Nervensystem oder die Atemwege auswirken können. Solche Stoffe sind auch in lang bewährten Medikamenten enthalten. 

Michael Reitberger: Glauben Sie, dass die österreichische Holzindustrie den Trend des gesunden Bauens erkannt hat und sich dahin gehend entwickelt?

Karl Dobianer: Ganz bestimmt sogar. Es sind auch deutliche Verbesserungen der Produkte erkennbar. Allerdings glaube ich, dass das eher eine Marktentwicklung ist und weniger der Schrei nach gesünderen Baustoffen. Denn schon bevor der Trend zum gesunden Bauen schlagend wurde, waren die Holzprodukte bezüglich ihrer Verträglichkeit sehr gut. In der Toxikologie bedeutet weniger nicht unbedingt immer besser. Es reicht schon, einen gewissen Wert zu unterschreiten. Es bringt nichts, die Werte noch weiter zu verbessern. Sehr viel mehr sollte die Funktion der Produkte im Vordergrund stehen.

Michael Reitberger: Sie wohnen selbst in einem Holzhaus. Welches Haus ist Ihrer Meinung nach das gesündeste?

Karl Dobianer: Ja, ich möchte den Wohnkomfort in meinem Holzhaus nicht missen. Innen wie außen ist hier sehr viel Holz sichtbar verbaut. Mein weit auskragendes Vordach spendet im Sommer angenehm kühlen Schatten und hält die Witterung von der Fassade fern. Für mich beginnen die Vorteile eines Holzhauses schon damit, dass, wenn ich ein Bild aufhängen will, ich einfach nur eine Schraube eindrehen muss und nicht auf einen 5 Kilo schweren Bohrhammer angewiesen bin. Mein Haus kennt keinen Schimmel, hat ein ausgezeichnetes Klimaverhalten und selbst, wenn mein Sohn laut Musik in seinem Zimmer hört, ist es in meinem Schlafzimmer angenehm ruhig. Kurz gesagt: Mein Traumhaus ist ein Haus aus Holz mit offenem Fenster und einer Holzheizung. Massivholz und Holzwerkstoffe sollen dort eingesetzt werden, wo sie am meisten Sinn ergeben – unter einer Prämisse: Wo es geht, Holz verwenden!

Mit Holz gebaut

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